Langsam wird es spannend. Je weiter ich in das Dickicht des neoliberalen und marktradikalen Netzwerks aus Wirtschaft, Lobbys und Medien vordringe, desto häufiger frage ich mich, ob man als durchschnittlicher Bürger Medienberichten überhaupt noch trauen kann, ohne vorher die Quellen dahinter gründlichst zu analysieren. Aber der Reihe nach. Ausgangspunkt dieses Artikels war mein vorheriger Beitrag über den Media Tenor und das Institut der deutschen Wirtschaft Köln.
Der Medien Tenor ging Anfang März 2005 ins Insolvenzverfahren unter dem Aktenzeichen 98 IN 78/05. Offenbar hatte es anfangs mit dem Spindoctoring und den Umsätzen nicht so gut geklappt, wie man wohl erwartet hatte. Vielleicht war das aber auch eine gezielte Aktion, da zu dieser Zeit schon zahlreiche negative Medienberichte über die unseriöse Arbeitsweise und Datenmanipulationen des Medien Tenor kursierten. Aber das ist nur ein kleiner Punkt, der im weiteren Zusammenhang eher unbedeutend ist.
Nun kam ich bei der Suche nach Artikeln über den Medien Tenor zu einem Portal mit dem Namen Neue Nachricht. Darin wird in einer - ich sage mal vorsichtig - tendenziösen Art und Weise über die gerichtliche Auseinandersetzung zwischen Professor Klaus Merten und den Medien Tenor berichtet. Merten hatte in einem Interview die Wissenschaftlichkeit des Medien Tenor angezweifelt und dessen Arbeitsweise als unseriös bezeichnet. In dem Artikel fehlt zum Beispiel der Hinweis, dass der Medien Tenor keinerlei handfesten Beweis dafür gebracht hat, dass seine Arbeitsweise nicht unseriös ist und keine Daten manipuliert wurden. Vielmehr hatte man sich als Aufhänger für das Verfahren lediglich zunutze gemacht, dass Professor Merten selbst auch ein Institut zur Medienanalyse betreibt und behauptet, dass seine Kritik am Medien Tenor nicht als Wissenschaftler, sondern als Konkurrent geäußert worden sei. Inhaltlich jedoch hatte der Medien Tenor offenbar nichts in der Hand. Großmäulig wird von weiteren Verfahren gegen Professor Merten wegen anderer Behauptungen berichtet, über die man jedoch keine weiteren Informationen findet. Die Darstellung von Professor Klaus Merten ist in diesem Artikel in jedem Fall sehr nachteilig, der Medien Tenor hingegen wird als sich nur zur Wehr setzender Unschuldsengel beschrieben. Es soll der Eindruck vermittelt werden, dass alle Aussagen von Professor Merten über den Medien Tenor falsch seien - was aber wohl nicht der Fall war.
Kommen wir aber zurück zu dem Portal Neue Nachricht, das verspricht, dass dort aus Themen Fakten würden. In diesem Portal werden also wohl nur PR-Meldungen - wie vom Bonner Medien Tenor oder der INSM - veröffentlicht und keine Nachrichten. Insofern ist der Titel Neue Nachricht irreführend, da es sich nicht um ein Nachrichten-Portal handelt, sondern lediglich um die Website des Medienbüros Sohn. Wer einen Blick ins Impressum der Site wirft, findet dort als Verantwortlichen für die Site Gunnar Sohn vom Medienbüro Sohn. Dieser Name war mir bei meinen Recherchen über die INSM schon häufiger begegnet: das Medienbüro.Sohn macht - natürlich rein zufällig - auch die PR-Arbeit für die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und natürlich auch für deren Studiengebühren-Propaganda Unicheck.de. Eine Suche nach dem Medienbüro Sohn und INSM mit Hilfe von Google liefert jedenfalls mehrere Hundert Treffer, die meisten davon Berichte über die INSM und deren Aktivitäten auf irgendwelchen PR- und Nachrichten-Websites. Da ist es doch auch selbstverständlich, wenn Neue Nachricht aka Medienbüro Sohn den Medien Tenor, der heute Media Tenor heißt, als so genannten Content Partner angibt. Als weitere Content Partner sind dort übrigens auch die Springer-Schmierer Dirk Maxeiner und Michael Miersch zu finden, bei deren Pamphleten man manchmal den Eindruck hat, sie seien im Suff ohne Mitwirkung von Hirn entstanden. Keine Sorge, natürlich gibt es auch bei Springer keine besoffenen Journalisten, auch wenn man das beim Überfliegen der BILD manchmal denken könnte. Es wird lediglich eine gewünschte politische Stoßrichtung und ein bestimmtes Agenda-Setting verfolgt.
So richtig interessant wird die Verbindung zwischen der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) , dem Bonner Media Tenor und dem Medienbüro.Sohn aber erst, wenn man einmal schaut, für wen das Medienbüro.Sohn sonst noch aktiv ist oder war, zum Beispiel für Prof. Meinhard Miegels Bürgerkonvent, der - natürlich rein zufällig - auch in Bonn sitzt und in den Deutschen vor allem die Angst vor Altersarmut schüren will, damit sie bei der Versicherungswirtschaft, für die Miegel als Lobbyist tätig ist, schön viele Verträge abschließen. Ansonsten verfolgt der BürgerKonvent eine ähnliche neoliberale Agenda wie die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM).
Wie man sieht, sind die neoliberalen Think Tanks, PR-Agenturen, Lobbys und deren Dienstleister wie diverse Institute für Wirtschaftswissenschaften und Medien- Manipulation Analyse offenbar eng miteinander verflochten. Dies erklärt mitunter auch die Effektivität, mit der diese Netzwerke ihre Partikular-Interessen der Politik und den Medien immer wieder als vermeintlich alternativlos diktieren können. Denn objektive oder gar neutrale Quellen für die Medien scheinen im Zeitalter des Neoliberalismus weitgehend von der Bildfläche verschwunden zu sein oder sie schaffen es nicht, sich gegen die Informationsflut aus diesen finanzstarken Netzwerken durchzusetzen. Gekaufte Politiker und Prominente verstärken diesen Effekt ebenso wie Medien-Kooperationen, die solchen Netzwerken den direkten Draht in die Redaktionen sichern. Wer also verstehen will, warum und wie über bestimmte Themen berichtet wird, der sollte sich eine gewisse Medien- Kompetenz ebenso erhalten wie eine gesunde Kritikfähigkeit, für die es oftmals schon ausreicht sich eine einfache Frage zu stellen: Cui bono? - Wem nützt es?
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